
Am Sonntag, den 24.08.2008, gehen die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking (endlich) zu Ende.
Gut zwei Wochen lang nervte mich jeden Morgen nach der Morgenandacht im Deutschlandfunk das künstlich aufgeregte Sportgezeter und inhaltlich seichte Gefasel der Kommentatoren.
Und bei meinem Reihenhausnachbarn in Rente lief Olympia vielfach von morgens bis abends so lautstark heiß im Fernsehen, dass ich es noch auf der eigenen Terrasse dröhnen hören konnte. Seine fürchterlich banalen Kommentare und seine naiv-kindliche Freude zwischendurch hatte niemand bestellt und schon gar nicht abonniert. Ab Montag geht der Mann erstmal auf Entzug! ![]()
Schade, dass man so ein dumpfbackiges Gehabe nicht einfach abschalten kann. Wie soll man dabei ein qualitativ gutes Buch lesen? – Ohren mit Watte verstopfen? Eremit werden? ![]()
Muss der Intellektuelle ständig Rücksicht nehmen auf den Dummen, so wie der Nichtraucher (immer noch) Toleranz üben muss gegenüber dem Raucher? Wer schädigt da eigentlich wen? ![]()
Nicht dass ich etwas gegen Sport an sich hätte. Als Radfahrer, Wanderer und gelegentlicher Schwimmer weiß ich, dass körperliche Betätigung Balsam für Leib und Seele ist.
Ich habe aber etwas gegen wichtigtuerische, Geld und Privilegien absahnende IOC- und NOK-Funktionäre, denen die Menschenrechte nicht so wichtig erscheinen, und den total durchkommerzialisierten Sport. Sportler aus den reichen Ländern erhalten durch Sponsoring immense Vorteile gegenüber Sportlern mit Idealen aus ärmeren Ländern.

Und mir fällt auf, dass viele Menschen zehn Goldmedaillen mehr beschäftigen als 2.500 Tote in Georgien (Südossetien). Von den Hunderten im Mittelmeer abgesoffenen Flüchtlingen aus Afrika mal ganz zu schweigen!

Und was ist schon der 40. Jahrestag der brutalen Niederschlagung des „Prager Frühling“ durch die Sowjets an Gedenken und Gedanken wert? – Prager Frühling hört sich für manchen eher nach verkaufsoffenem Sonntag in Prag an, so wie „Moerser Herbst“ …
Wer erkennt beim Gedenken des „Prager Frühling“ 1968 schon die Zusammenhänge mit Georgien 2008? Obschon auch die Georgier durch ihre fatale Militäraktion – ausgerechnet am Eröffnungstag der Olympischen Spiele – schwere Schuld auf sich geladen haben. Ob „ethnische Säuberungen“ und damit Kriegsverbrechen stattgefunden haben, muss noch ermittelt werden.
Der Sport entwickelt sich zu einem Massenphänomen, das bei der Bundesliga, beim Europapokal, bei Weltmeisterschaften und bei der Olympiade gottesdienstähnliche Züge bekommt. Der Fahnen und Hupen nutzende Autokorso als postkatholische Prozession. Die Schlachtrufe als penibel einstudiertes, liturgisches Ritual; Eröffnungsveranstaltungen als buntes Pontifikalamt. Arenen als Wallfahrtsorte. Medaillen und Pokale als Reliqien und Monstranzen.
So wie falsch gelebte, oberflächliche Religion das Hirn und damit den Verstand vernebelt, so verklärt heute der Sport manchen Kopf.
Kann es sein, dass man mit dem rauschartigen Konsum von Massensport die Menschheit von den wirklich existentiellen Themen des Lebens und dieser Welt ablenken will?
Bonbon zum Schluss:

In einer der von mir geschätzten Morgenandachten berichtete in der letzten Woche ein Seelsorger: Während der Siegerehrung der Luftpistolenschützinnen habe die Georgierin Nino Salukwadse (Bronze) sich mit der Russin Natalja Paderina (Silber) umarmt, um damit gemeinsam den Wunsch nach einem Ende der zeitgleich zu den Spielen ausgetragenen Kampfhandlungen zwischen Russland und Georgien um das umstrittene Kaukasusgebiet Südossetien zum Ausdruck zu bringen. – Verbeugung vor diesen sportlichen Damen!
Zeitgleich habe es in der Schlagzeile einer russischen Boulevardzeitung geheißen: „Russland erschießt Georgien!“ – Vermutlich textete das ein Mann …